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Lenin in New York

oder wie Propaganda zu Kunst wurde.


Eine Glosse von Maik Hager (Berlin, 15.09.2013)
 
"Herr Hager, in New York gibt es auch eine Lenin-Statue."
"So? Das glaube ich nicht. Das müssen Sie mir beweisen."
"Ja, in Ordnung. Das mache ich."

So oder so ähnlich verlief eine kleine Diskussion am Ende einer Stunde im Fach Geschichte/Sozialkunde der 10. Klasse in der letzten Woche. Wir hatten uns im Rahmen einer Textquellenanalyse soeben durch einen anspruchsvollen Auszug aus Lenins Werken gearbeitet, in dem der Autor die Methode der Machtergreifung durch das Proletariat erläutert. In diesem Zusammenhang hatten wir auch ein Referat über Lenins Zugreise von 1917 gehört und seine Einstellung zu den Sozialdemokraten und anderen demokarischen Parteien geklärt ("Nur Schufte und Idioten ...").

Irgendwie, ich weiß nicht mehr genau wie, kamen wir auch auf die sozialistische Propaganda und die zahlreichen Lenin-Statuen zu sprechen, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion und in der Sowjetunion selbst beseitigt wurden. Eine Schülerin behauptete schließlich, dass es in New York "noch" eine Lenin-Statue gäbe.

Noch? Ich war verwirrt und meinte verstanden zu haben, dass dort zur Zeit das Kalten Krieges eine Lenin-Statue aufgestellt worden sei, die nach dem Ende der Sowjetunion nicht demontiert worden war. "Doch, Herr Hager, da steht noch eine." Das konnte ich mir nicht vorstellen und forderte die Schülerin, die meinte die Statue in New York gesehen zu haben, auf, mich eines Besseren zu belehren und das zu recherchieren. Und tatsächlich steht in New York eine Lenin-Statue. Doch wann und wie ist Lenin nach New York gekommen?
 
Lenin-Statue auf dem "Roten Platz" in New York
Abbildung 1: Lenin-Statue auf dem "Roten Platz" in New York, Bild: artnerdnewyork.tumblr.com
 

Abbildung 2: Lenin-Statue vor wolkenlosen Himmel, Bild: scoprinewyork.it

Video: Lenin towers New York City, Russia Today/YouTube, 15.07.2009.
 
Bei der Statue handelt es sich um eine überlebensgroße Darstellung des Revolutionärs und sowjetischen Staatsgründers Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin.

Lenin steht, das Gewicht auf das rechtes Bein verlagert in Schrittstellung. Der linke Arm hängt etwas angewinkelt an der Seite herunter, die linke Hand ist zur Faust geballt. Der rechte Arm ist zum Himmel erhoben, die Hand geöffnet. Lenin trägt einen Anzug mit Hemd und Weste, die um den Bauch herum etwas spannt.

Bei der Statue handelt es sich nach Aussagen verschiedener Internetseiten ursprünglich um eine sowjetische Auftragsarbeit, die von einem Künstler namens Yuri Gerasimov ausgeführt wurde. Sie ist ca 5,5 m hoch und vermutlich aus Bronze. Wann genau die Statue geschaffen wurde, ist unklar. Es wird jedoch vielfach darauf hingewiesen, dass der Zerfall der Sowjetunion die Aufstellung der Statue in Moskau verhindert habe. Daraufhin wurde sie auf dem Hinterhof einer Dacha in der Nähe von Moskau gelagert.

Seit 1994 steht die Lenin-Statue auf dem Haus 250 East Huston Street, das 1989 errichtet wurde. Das Haus wurde schon vor der Aufstellung, vermutlich aufgrund seiner roten Backsteinfassade und seines viereckig-trapezförmigen Grundrisses "Red Square" (frei übersetzt: rotes Viereck = Roter Platz) genannt. Die Erbauer des Hauses machten sich die Namensgebung zu Nutze und fanden es lustig die Statue, die sie in Moskau gefunden und gekauft hatten, dort aufzustellen. Darüber hinaus wollten sie wohl auch darauf hinweisen, dass die Lower East Side der Ursprung der sozialistischen Bewegung in den USA war.

Ein kleines interessantes Stück Geschichte. Vielen Dank an Nicole aus der 10a.
 

Abbildung 3: Lenin-Statue mit Blick auf Mahattan, Bild: Antonio Bonanno, flickr.com

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