Historische Aspekte bayerischer Psychiatrie –
Lebenswirklichkeit, Patientenschicksale und Baugeschichte (Sammelrezension)


von Felicitas Söhner (Universität Ulm)

Magdalene Heuvelmann

Das Irseer Totenbuch.
Chronologisches Toten-Register der Heil- und Pflegeanstalt Irsee 1849 bis 1950

Grizeto Verlag, Irsee 2015

Gerald Dobler

Warum Irsee?
Die Gründungs- und Ausbaugeschichte der ‚Kreis-Irrenanstalt Irsee‘

Grizeto Verlag, Irsee 2014



Im Zentrum beider Bände steht die Geschichte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Irsee bei Kaufbeuren, jedoch mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten und Interessen.

Mit dem „Irseer Totenbuch“ hat die Historikerin Dr. Magdalene Heuvelmann ein chronologisches Toten-Register aller zwischen 1849 und 1950 Verstorbenen der psychiatrischen Einrichtung erarbeitet. Die beiden Herausgeber PD Dr. Albert Putzhammer, Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Bezirksklinik Kaufbeuren, und Dr. Stefan Raueiser, Leiter des Schwäbischen Bildungszentrums Irsee, leiten den Band kommentierend ein:

„Die Geschichte soll nicht das Gedächtnis beschweren, sondern den Verstand erleuchten.“ (S.5)

Im vorliegenden Buch werden Daten von Verstorbenen in Form einer faksimilierten Darstellung des von Pt. Carl Wolff verfassten ‚Chronologischen Toten-Register(s)“ präsentiert und durch ein alphabetisches Personenregister sowie Erläuterungen zum Wolffschen Totenbuch im Anhang ergänzt. Die Historiker Dr. Wiebke Janssen und Dr. Dietmar Schulze ergänzen das Verstorbenen-Register mit biographischen Skizzen, die Aspekte der Lebenswirklichkeit der Bewohner detailliert und empathisch darstellen. Die Perspektive auf den Patienten ergänzend wird in einer prägnanten Biographie auf den Ordensbruder Pt. Wolff eingegangen, der ab 1945 im Auftrag der amerikanischen Alliierten Material zu den in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee verübten Patientenmorde erhob und dokumentierte. Die im Rahmen der Recherchen umfangreiche Datenbank ermöglicht historisch Interessierten zukünftig einen deutlich erleichterten Zugang zu den Quellen. Diese ist im Schwäbischen Bildungszentrum verfügbar und enthält neben den Informationen im Band weitere zusätzliche personenbezogene Informationen.

Der ein Jahr zuvor von Dr. Raueiser herausgegebene Band „Warum Irsee?“ befasst sich mit der frühen Geschichte der psychiatrischen Einrichtung. Die im September 1849 eröffnete ehemalige ‚Kreis-Irrenanstalt Irsee‘ war nach Erlangen (1846) die zweite zeitgenössisch-moderne psychiatrische Einrichtung in Bayern. Die wissenschaftliche Bearbeitung und historische Einordnung des verwendeten Quellenmaterials erfolgte durch den Kunsthistoriker Dr. Gerald Dobler.

Bezieht sich der Heuvelmannschen Band auf die Bewohner des Hauses, konzentriert sich Dobler auf die Vorgeschichte des Gebäudekomplexes wie auch auf die eigentliche Gründungsgeschichte der damaligen „Kreis-Irrenanstalt Irsee“. Weiter beschäftigt sich der Band mit dem Ausbau der Anstalt bis zum frühen 20. Jahrhundert. Daneben erhält der Leser regionalhistorische Informationen zur Struktur der Baubehörden und baubezogenen Planvorgängen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Damit gewährt der Band dem Publikum Einblicke in bislang verborgene Aspekte der Geschichte der psychiatrischen Versorgung. Der Leser findet Informationen zu Fragen, die seinerzeit an die Konzeption psychiatrischer Einrichtungen hinsichtlich Struktur, Organisation und baulicher Bedürfnisse gestellt wurden. Damit richtet sich die Publikation nicht nur an eine Leserschaft, die sich mit bayerischer Regionalgeschichte beschäftigt, sondern auch an Interessierte, deren Forschungsfeld historische und regionale Aspekte der psychiatrischen Versorgung berührt. Darüber hinaus ist der Doblersche Band in seiner ästhetisch ansprechenden Form nicht nur für komparative Studien architekturhistorischen Quellenmaterials durchaus reizvoll.

Beide Bände bieten dem Leser Einblicke in die historischen Lebensumstände und Behandlung psychisch kranker Menschen.

Insbesondere für Medizinhistoriker lassen sich die Bücher empfehlen, aber auch für Soziologen und Regionalhistoriker sind sie in jedem Fall lesenswert. Das Heuvelmannsche Buch leistet neben institutionsgeschichtlichen Informationen einen Beitrag zur Erhellung einiger bislang unbekannter bzw. vergessener Aspekte der Anstalt Irsee und der dort verübten Krankenmorde. Damit erhält der Leser Einblick in die Vorgänge im Zusammenhang der NS-Euthanasie. Dem erklärten Ziel, den Toten ihren Namen wiederzugeben und sie damit vor dem Vergessen zu bewahren, wird das „Irseer Totenbuch“ mehr als gerecht.


Links:

Internetseite des Grizeto Verlags

s.v. Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: de.wikipedia.org

s.v. Die Geschichte des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, in: bezirkskrankenhaus-kaufbeuren.de

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