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5. Fritz Karsen und die Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln

Der Neuköllner Schulkomplex, die "Karl-Marx-Schule", gehört inzwischen zu den bekanntesten Berliner Reformschulprojekten der Weimarer Zeit. Die dortigen Schulversuche und das pädagogische Konzept des Schulleiters Fritz Karsen (1885-1951) sind jedoch erst seit 1966 [106] durch die wissenschaftliche Forschung Gerd Raddes wieder einem größeren Publikum zugänglich. In seinem Aufsatz "Die Wiederentdeckung Fritz Karsens"[107] gibt Wolfgang Keim die Gründe für diese jahrzehntelange Vernachlässigung der Auseinandersetzung mit den erzieherischen Ideen Karsens an. In der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 wurde Karsen vor allem aufgrund seines "weltanschaulich-politischen Standpunktes"[108] im sozialdemokratisch/sozialistischen Lager gemieden. Selbst diejenigen, die sich in Aufsätzen eingehender mit ihm beschäftigten, z. B. der ehemaliger Kollege Alfed Ehrentreich, distanzierten sich von ihm. Ehrentreich, als Repräsentant der konservativen erziehungswissenschaftlichen Forschung der Nachkriegszeit, vertrat die Auffassung, "dass die Erziehung der Jugend nicht nur auf dem Boden des Sozialismus und Humanismus […] erfolgen kann" und dass Karsen die notwendige "Verankerung im Religiösen" gefehlt habe.[109] Dennoch betrachtete er die Arbeit Karsens als eine "Fundgrube wichtiger Praktiken".[110] Erst durch die intensive wissenschaftliche Arbeit Gerd Raddes im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft zur Berliner Schulgeschichte an der Pädagogischen Hochschule Berlin wurde Karsens Werk einer differenzierteren Analyse unterzogen. Grundlage dieser Analyse waren einerseits die Befragung ehemaliger Kollegen und Schüler sowie die Schilderungen Karsens Tochter Sonja.

In der DDR verhinderte nach dem Zweiten Weltkrieg die fortschreitende Stalinisierung eine wissenschaftlich ausgewogene Auseinandersetzung mit dem Schulreformer Karsen. Dies ging so weit, dass ihm vorgeworfen wurde, er sei "Vertreter einer 'individualistisch-vitalistischen Pädagogik'" und habe sich durch seine Schulreform in eine "'völlige Isolierung'" vom "'revolutionären Proletariat'" begeben.[111]

Nach Angaben Oelkers unterschied Karsen vier Arten von Schulversuchen: organisatorische Veränderungen, methodische Schulversuche, "Schulen Neuer Gesinnung" und schließlich die "Lebensgemeinschaftsschule"[112] (Gemeinschaftsschule). Das Konzept der "Lebensgemeinschaftsschule" unterschied sich von anderen Reformvorhaben dadurch, dass es bewusst versuchte, auf die soziale Situation der Schüler und Schülerinnen zu reagieren und ihnen durch die Ausbildung Verbesserungschancen zu bieten. Dies wurde im Laufe des Schulversuches z. B. durch die Einrichtung einer Aufbauschule (1922), das Angebot von "Arbeiter-Abiturientenkursen" (ab 1923) und die Angliederung einer Volksschule (1927) an das ursprüngliche Kaiser-Friedrich-Realgymnasium in Berlin Neukölln realisiert (Einheitsschule).

Die Arbeiter-Abiturientenkurse, die seit dem Juni 1923 angeboten wurden, "waren unentgeltliche Lehrgänge von durchschnittlich dreijähriger Dauer, in denen junge Männer und Frauen mit Volksschulabschluss, die bereits als Arbeiter oder Angestellte in einem Beruf gestanden hatten, auf die Reifeprüfung vorbereitet wurden." Sie stellten nach Meinung Raddes "die Möglichkeit eines Zweiten Bildungsweges" dar.[113]

Aus den bei Radde angegebenen Zahlen lässt sich jedoch erkennen, dass nur wenig mehr als die Hälfte der Kursteilnehmer der ersten eingerichteten Kurse die Reifeprüfung bestanden. Viele der Kursteilnehmer mussten die Ausbildung aufgrund der sich verschlimmernden wirtschaftlichen Lage (galoppierende Inflation ab 1923) abbrechen oder fielen aus anderen Gründen durch die Abschlussprüfung. Aus Raddes Darstellung geht hervor, dass die Ansprüche an die fachliche Arbeit sehr hoch waren. Um eine kontinuierlich Arbeit gewährleisten zu können, wurde eine Aufnahmeprüfung geschaffen, in der die Bewerber ihre "Fähigkeit, Sachverhalte zu erfassen und kritisch urteilend dazu Stellung zu nehmen" unter Beweis stellen mussten.[114] Hierzu bearbeiteten die Kandidaten selbst gewählte Themen aus den Bereichen Wirtschaft, Recht, soziales Leben, Technik und Politik. Die Aufnahmetests wurden, aufgrund der noch immer hohen Abbrecherzahl, im Laufe der Jahre umfangreicher und anspruchsvoller aber auch demokratischer, da Teilnehmer höherer Kurse bei der Auswahl neuer Kandidaten mitwirkten. Im Laufe der Jahre wurde ebenfalls eine Selbstverwaltungsstruktur der Kurse geschaffen und so auch ein Mittel "funktionaler Erziehung"[115] geschaffen.

Die Arbeiter-Abiturientenkurse richteten sich an Arbeiter und Angestellte zwischen 18 und ca. 30 Jahren, die bereits in Ihrem erlernten Beruf gearbeitet hatten oder immer noch arbeiteten. Diese Doppelbelastung (Arbeit und Kurs) warf Probleme im Bezug auf die Unterrichtsorganisation auf. Zunächst wurden die Lehrgänge abends, zwischen 18 und 21:30 Uhr angeboten. Später verlegte man sie jedoch auf die frühen Morgenstunden, um eine konzentrierte geistige Arbeit und die Erwerbstätigkeit gewährleisten zu können. Da die Kurse durch öffentliche Mittel finanziert wurden, wies Karsen immer wieder darauf hin, dass die Teilnehmer dementsprechend auch eine Verpflichtung gegenüber der sie tragenden Gesellschaft hätten. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin der bzw. die die gestellten Anforderungen nicht erfüllen konnte, wurde nach einem "klärenden Gespräch"[116] aufgefordert, seinen/ihren Platz anderen zur Verfügung zu stellen. Die Teilnahme an den Arbeiter-Abiturientenkursen sollte nicht das persönliche Fortkommen sichern, sondern im Zeichen eines "Dienstes an der Öffentlichkeit"[117] stehen.

Auch wenn Karsen in seinen politischen Ansichten in das sozialdemokratische/sozialistische Lager einzuordnen ist, so war er jedoch nicht an einer einseitigen Indoktrinierung seiner Schüler und Schülerinnen im Sinne des Sozialismus/Kommunismus interessiert, sondern wollte, nach Raddes Aussage "…die jungen Menschen befähigen […] in einer demokratischen Gesellschaft zukunftsweisend mitzuwirken, mit politischem Bewusstsein, (aber) ohne politische Abrichtung."[118] Karsen hatte nach Aussagen seiner Tochter die Umbenennung des "Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums" in "Karl-Marx-Schule" sehr skeptisch gesehen, da er den Schulversuch damit "parteipolitischen Angriffen"[119] ausgesetzt sah.

Die demokratisch-republikanische Ordnung der Weimarer Republik sah Karsen als "neue politische Gemeinschaftsform", die in der Schule anfange.[120] Demzufolge wurde die "Gemeinschaft" die Grundlage des schulischen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, wies aber auch über den schulischen Bereich hinaus. Dieser Gemeinschaftsgedanke äußerte sich z. B. durch die Organisation als "Einheitsschule", d. h. als konfessionsübergreifende und koedukative Schule in der keinerlei Standesunterschiede gemacht werden sollten (Ziel war die Beseitigung des dreigliedrigen preußischen Schulesystems: Volksschule, Mitteleschule, Gymnasium). Die Eltern der Schüler und Schülerinnen wurden als Teil der sozialen Gemeinschaft in das Schulleben integriert ("offene Schultür") und zur Mitgestaltung des Unterrichts eingeladen. Weiterhin setzte Karsen auf das Prinzip einer "kollegialen Schulleitung", welche Richtlinien und pädagogische Grundsätze durch absoluten Mehrheitsbeschluss für alle Mitglieder binden aufstellte. Der Schulleiter sollte nur als "Beauftragter des Kollegiums"[121] in Erscheinung treten. Schließlich sollte der Gemeinschaftsgedanke auch das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden bestimmen.[122]

Eine anschauliche und lebhafte Schilderung des Schullebens hat Karsens Tochter Sonja verfasst, die von 1929-1933 Schülerin an der Karl-Marx-Schule war. Sie berichtet sehr detailliert über die Unterrichtdurchführung, die im Zeichen der Verbindung des "Intellektuellen mit dem Praktischen"[123] stand. In den jeweiligen Fächern wurden unter der Leitung des Lehrers Projekte erarbeitet. Die Projekte wurden dabei in Interessengruppen von den Schülern selbstständig erarbeitet, die sich jeweils mit einem Teilaspekt des Gesamtprojekts beschäftigten. Besonderes Augenmerk wurde auf die sorgfältige und termingerechte Fertigstellung der Projektarbeiten gelegt. Die Ergebnisse wurden dann z. B. in Ausstellungen öffentlich gemacht. Neben der Projektarbeit in den Fächern gab es auch öffentliche Theater- und Orchesteraufführungen, so wurde z. B. die Brecht-Oper "Der Jasager" 1931 in einer neuen Fassung aufgeführt.[124] Um die angestrebte Verbindung von "Intellektuellem mit dem Praktischen" zu erreichen wurde ein Werkunterricht eingerichtet, in dem die Schüler und Schülerinnen den Umgang mit Werkzeugen, die Bearbeitung von Holz und Metal oder z. B. das Buchbinden erlernten. Sonja Karsen beschrieb diesen Unterricht als "besonders interessant", da die Karl-Marx-Schule eine der wenigen Schulen war, die das Fach Werken anbot und an dem alle Schüler und Schülerinnen teilnahmen. Schließlich ist noch der Turn- und Sportunterricht zu nennen, dem Karsen nicht nur besondere Bedeutung für die physische Entwicklung beimaß, sondern auch "moralischen Wert für die Erziehung". Er war der Meinung, dass durch die sportliche Betätigung der Fairnessgedanke und die Erkenntnis, "[…] dass nicht jeder gewinnen oder der Beste sein kann",[125] vermittelt werden könnten.

Neben der praktischen erzieherischen Tätigkeit, die auf das hier und jetzt gerichtet war, blickte Karsen auch in die Zukunft. Zusammen mit seinem Freund, dem Architekten Bruno Taut (1880-1938), plante er die Errichtung einer "rationalen" Gesamtschule. Das Projekt ist als die "Schule am Dammweg" bzw. "Schulzentrum am Dammweg" bekannt geworden, konnte jedoch aufgrund des Widerstandes konservativ-gegnerischer Strömungen in der Schulverwaltung, der Wirtschaftskrise 1929/30 und der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nicht realisiert werden.

Karsens Konzept der Rationalisierung der Schule erläutert Radde in seiner Studie als "die nach bildungsökonomischen Kriterien bestimmte, auf qualitative Verbesserung zielende zweckmäßige Gestaltung der schulischen Arbeit unter dem Aspekt der demokratischen Massengesellschaft."[126] Diese Rationalisierung bezog sich demnach auf eine angemessene räumlich und didaktisch Ausstattung der Schule, die die Verwirklichung des Einheits-, Arbeits-, und Gemeinschaftsschulkonzeptes erst ermöglichen. Die Architektur (sektorenförmiger Grundriss, parkähnliches Gelände mit Spielplätzen, Sportanlagen inkl. Hallenbad), die Personalausstattung (differenzierte Einteilung der Schulverwaltungsaufgaben, Anstellung von Spezialisten und Einrichtung spezieller Aufgabenbereiche z. B. eines „psychologisch-statistischen Büros“) und die Ausstattung der Unterrichtsräume (Klassenzimmer als Werkstatt mit technischer Ausstattung) zusammen mit Veränderungen der Unterrichtsstruktur (Verzicht auf Klassen und Einrichtung von Erziehungsgruppen) hat Radde ausführlich beschrieben.[127]

Wie bereits erwähnt konnte das Dammwegprojekt aus verschiedenen Gründen nicht realisiert werden. 1928 konnte Taut jedoch einen "Klassenpavillon" zu Anschauungszwecken errichten. Seit dieser Zeit geriet der Bau jedoch in Vergessenheit und wurde erst im Rahmen eines architektonischen Gemeinschaftsprojektes der TU Berlin, der Fachgemeinschaft Bau, des Bildungsvereins Bautechnik, der Carl-Legien-Oberschule und der Knobelsdorff-Oberschule in den Jahren 1998-2001 restauriert.[128]

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, der Amtsenthebung am 23.2. und der Gleichschaltung seiner Schule 1933 endete Karsens reformpädagogisches Projekt der Lebensgemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln. Um der Festnahme durch die Nationalsozialisten zu entgehen, die ihn aufgrund seiner sozialdemokratisch/sozialistischen Überzeugung und seines jüdischen Glaubens verfolgten, floh Karsen mit seiner Familie zunächst in die Schweiz und emigrierte über Frankreich und Kolumbien schließlich 1938 in die USA. 1946 erhielt Karsen die Möglichkeit, als Berater für die amerikanische Militärregierung nach Berlin zurückzukehren, wo er an der Reorganisation des Hochschulwesens mitwirkte. Trotz einiger Angebote konnte er sich jedoch nicht dazu entschließen, seine reformpädagogische Arbeit in Berlin fortzusetzen, sondern kehrte in die USA zurück.

Im Jahr 1956 erhielt die Berliner 37./38. Schule den Namen Fritz-Karsen-Schule. Das bereits 1948 wieder als Reform-Einheitsschule konzipierte Projekt erhielt 1951 eine 6-jährige Grundschule mit drei anschließenden Oberschulzweigen. Im weiteren Verlauf ihrer inzwischen 56jährigen Geschichte nahm die Schule an zahlreichen Schulversuchen (z. B. 1972 Einführung des Faches Informatik) und Projekten (1989 und 1992 „Schulische Umweltbildung") teil. In ihrem pädagogischen Profil knüpft die Fritz-Karsen-Schule in mancherlei Hinsicht an die Grundsätze ihres Namensgebers an. Sie versucht, als älteste Gesamtschule Deutschlands, die Einheitsschule von der Vorklasse bis zum Abitur zu realisieren und stellt soziale Kompetenzen und das Erlernen von Arbeitstechniken über das bloße Faktenwissen. Durch ein breites Fachangebot und zahlreiche Arbeitsgemeinschaften sollen die Schüler und Schülerinnen optimal gefördert werden. Bewusst wird jedoch das Klassenprinzip beibehalten und ein häufiges Wechseln der Lerngruppen vermieden. Nur in den Fächern Englisch und Mathematik werden ab der 7. Klasse „Niveaukurse“ eingerichtet. Damit erhält die Schule einen von der Kultusministerkonferenz anerkannten Sonderstatus.

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[106] Radde, Gerd (Hrsg.), Festschrift für Fritz Karsen, Berlin 1966.

[107] Keim, Wolfgang, Die Wiederentdeckung Fritz Karsens, in: Keim, Wolfgang und Weber, Norbert H. (Hrsg.), Reformpädagogik in Berlin – Tradition und Wiederentdeckung. Festschrift für Gerd Radde, Frankfurt/Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1998, S. 143-157 (Studien zur Bildungsreform, Bd. 30).

[108] ebda. S. 146.

[109] Ehrentreich, Alfred, Rückblick auf einen Schulversuch, in: Die pädagogische Provinz 3, 1949, S. 109, in: ebda.

[110] Ehrentreich, Alfred, Fritz Karsen als Bahnbrecher neuer Erziehung, in: Bildung und Erziehung 5, 1952, S. 28, in ebda.

[111] ebda. S. 147.

[112] Oelkers 1989, S. 171.

[113] Radde Gerd, Fritz Karsen, Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit, Frankfurt/Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1999, S. 160 (Studien zur Bildungsreform, Bd. 37).

[114] Radde 1999, S. 164.

[115] ebda. S. 177.

[116] ebda. S. 172.

[117] ebda. S. 173.

[118] Keim 1998, S. 150.

[119] Karsen, Sonja, Die fortschrittliche Pädagogik meines Vaters Fritz Karsen an seiner Reformschule in Berlin-Neukölln, seine Entlassung und seine Flucht aus Deutschland, in: KEIM, Wolfgang und WEBER, Norbert H. (Hrsg.), Reformpädagogik in Berlin – Tradition und Wiederentdeckung. Festschrift für Gerd RADDE, Frankfurt/Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1998, S. 139 (Studien zur Bildungsreform, Bd. 30)

[120] Scheibe 1999, S. 296.

[121] Karsen, in ebda. S. 298.

[122] ebda.

[123] Karsen, Sonja, in Keim/Weber (Hrsg.) 1998, S. 137.

[124] Sonja Karsen berichtet auch vom Besuch Brechts, der mit den Schüler und Schülerinnen über die Neuinszenierung diskutierte.

[125] ebda. S. 137.

[126] Radde 1999, S. 183.

[127] ebda. 181-193.

[128] TU Berlin, Medieninformation Nr. 173, 31. August 2001 und TU intern, Juli 2001.

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