„Unsere Geschichtsforscher befassen sich zu sehr mit Fragen der Vergangenheit.” [1]

Der Marxismus-Leninismus als Ausdruck wissenschaftlicher Geschichtserkenntnis?

 Zur Wissenschaftlichkeit der Historiographie in der DDR

von Alexander Klaehr

Inhalt

Vorwort

I. Der Marxismus-Leninismus und die Geschichtswissenschaft

II. Die Steuerung durch die Partei

III. Die DDR-Geschichtsschreibung eine Wissenschaft?

IV. Fazit

V. Literatur

Anmerkungen

 


Abbildung 1: Gebäude des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), später Sitz des Instituts für Marxismus-Leninismus sowie des Zentralinstituts für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften, ehem. Kaufhaus Jonaß,
Fotographie vom 24.03.1954,
Bildnachweis: Bundesarchiv / Bild 183-23894-0002 / Weiß / Creative Commons CC-BY-SA 3.0

Vorwort

Auch 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung und dem damit verbundenen Ende des sozialistischen Experiments im Osten Deutschlands ist die Erforschung der DDR und ihrer Strukturen noch lange nicht abgeschlossen, und auch der Kampf um die Deutungshoheit zu diesem Thema erregt immer noch die Gemüter, vor allem wenn es um die Verteidigung ostdeutscher Biographien geht, die sich in der Ost-West-Diskussion oft genug gedemütigt und diskreditiert fühlen.
Zu diesen vermeintlich Gedemütigten dürften wohl auch häufig genug jene zählen, die im Dienste der Wissenschaft, genauer: der Geschichtswissenschaft standen. Der Frage, inwiefern die Geschichtswissenschaft im Osten Deutschlands bis 1989 wirklich das Prädikat wissenschaftlich verdient, soll hier nachgegangen werden.

Sich mit der Geschichtsforschung der DDR auseinanderzusetzen bedeutet, sich historiographisch im Kraftfeld zweier (westlicher) Thesen zur Wissenschaftlichkeit der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung zu bewegen.
Zum einen die These einer seit den 70er Jahren stetig zugenommenen Wissenschaftlichkeit der Geschichtsforschung, die auf der Grundlage der international anerkannten wissenschaftlichen Standards arbeitete und auf einigen Gebieten (vornehmlich in der Frühneuzeitforschung) durchaus respektable, der Parteidoktrin weniger unterworfene Ergebnisse lieferte. [2]
Zum anderen wird der Geschichtswissenschaft das Kompositum [wissenschaft] gänzlich abgesprochen, da diese parteihörig gewesen sei und letztlich nur der Legitimation der SED-Herrschaft gedient habe. [3] „Nie konnte sich das staatssozialistische Herrschaftssystem der Unterstützung durch eine Bevölkerungsmehrheit sicher sein, und [...] stellte [...] keine ,Konsensdiktatur’ dar” [4] , so dass eine die Ideologie stützende Geschichtsschreibung das tat, was sie auch immer wieder im Dienste anderer Herrschender tat: in diesem Fall den zweiten deutschen Staat und die ihn tragende Partei zu legitimieren.

Das Interessante an diesem Thema besteht darin, dass an der Causa DDR-Geschichtswissenschaft schlaglichtartig abgebildet werden kann, wie die Politik Einfluss genommen hat auf eine nach ihrem Selbstverständnis autonome Wissenschaft, was eine ganze Kette von Konsequenzen mit sich brachte. Schließlich legt die Geschichtswissenschaft das Fundament, auf dem der Geschichtsunterricht in der Schule aufbaut, womit die Einflussnahme parteilich kontrollierter staatlicher Stellen aktiv die Bildung nicht nur der Studenten, sondern auch der Schüler [5] dirigierte und delegierte. Doktrinäre Einflussnahme auf die Wissenschaft ist folglich immer von gesellschaftlicher Relevanz, in Fächern wie Geschichte (oder auch Politik) wird das ganz deutlich.
Es stellt sich die Frage, wie es in einer Diktatur überhaupt möglich war, Wissenschaft zu betreiben bzw. wie die staatstragende Partei die Arbeit der Wissenschaft zu ihren Zwecken und mit welchen ideologiegestützten Argumenten umpolen konnte? Entsprach die Historiographie noch den Ansprüchen, die heute wie selbstverständlich an sie gestellt werden? Das heißt, inwiefern stützte sich die Geschichtsschreibung der DDR auf eine für die Wissenschaft wesentliche Quellenarbeit, die kritisch und reflektiert ablief? Gab es ein bestimmtes Geschichtskonstrukt, das als roter Faden einer historischen Entwicklung folgte? Welchen Mustern des Erzählens von Geschichte folgte die Geschichtsschreibung im zweiten deutschen Staat?
Diese Arbeit soll sich auf bestimmte Bereiche beschränken, da es kaum möglich ist, das ganze Spektrum – vor allem das institutionelle – auszuleuchten. Ohne den Allmachtsanspruch der Partei können jedoch die Bedingungen, unter denen die Arbeit der Historikerzunft stattfand, nicht erklärt werden, so dass ein besonderes Augenmerk auf die Problematik der Wissenschaftlichkeit der Geschichtsdisziplin und des Einwirkens der Partei sowie der sozialistischen Ideologie gelegt werden soll.
 

I. Der Marxismus-Leninismus und die Geschichtswissenschaft

Die Geschichtswissenschaft war ein Teil der ideologisch-politischen Auseinandersetzungen mit dem kapitalistischen Westen, so dass die Einführung des Marxismus-Leninismus in die Geschichtswissenschaft ein politischer Akt war, der in der Erforschung der Vergangenheit politischer, nicht wissenschaftlicher Mittel bedurfte. [6]

"Die Geschichtswissenschaft ist ein aktiver Faktor bei der Durchsetzung der Politik der Partei. Sie hat die Lehren der Geschichte zu erarbeiten und zu vermitteln. Auf keinen Fall geht es um eine pragmatische Versimpelung, sondern um die objektive Wahrheit. Es ist zu prüfen, ob wir diesem Erfordernis gerecht werden. [...] Die ,Geschichtswissenschaft des deutschen Volkes’ werden wir nicht ohne öffentlichen Meinungsstreit schreiben können. Dieser Meinungsstreit muß sich natürlich auf dem Boden des Marxismus-Leninismus bewegen." [7]

Somit war der sogenannte Meinungsstreit schon kein Disput mehr im wissenschaftlichen Sinne, sondern lediglich eine streng parteilich domestizierte wie determinierte Auseinandersetzung um die Auslegung der herrschenden Doktrin. Das Besondere am Marxismus-Leninismus war, dass dieser „die wissenschaftlich begründete Führung des proletarischen Klassenkampfes und des sozialistischen und kommunistischen Aufbaus [...] und [...] so als theoretische Anleitung zur praktisch-revolutionären Veränderung der Welt” [8] darstellte. Walter Schmidt, Direktor des Zentralinstituts für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften, konstatierte, dass der „Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft der DDR zur herrschenden theoretischen Grundlage” [9] wurde. Er verkörperte den „Sieg über die bürgerliche Geschichtswissenschaft” [10] mit ihren angeblich den imperialistischen Kapitalismus stützenden Methoden. Die ideologische Indoktrination dieses Wissenschaftszweiges führte in der Tat zum Bruch mit der bürgerlich-nationalen Geschichtsschreibung und fokussierte sich ganz auf die Arbeiterbewegung und ihre Entwicklung. [11]


Abbildung 2: Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin Jägerstr.-Ecke Gendarmenmarkt. Akademie der Wissenschaften der DDR, Fotographie 09.06.1950, Bildnachweis: Bundesarchiv / Bild 183-S97609 / Köhler, Gustav / Creative Commons CC-BY-SA 3.0

Der teleologische Charakter des Marxismus-Leninismus als wissenschaftliche Weltanschauung zeigt sich, indem er mit wissenschaftlichen Mitteln versucht, vergangene Ereignisse und Phänomene politisch-gesellschaftlicher, kurzum: historischer Natur und Relevanz zu erklären, aber auch zukünftige Entwicklungen vorherzusagen [12] – wobei diese Vorhersagen lediglich im engen Umfeld des Historischen Materialismus anzutreffen sind und somit letztlich von einer Art sachlich-säkularem Messianismus künden, dem Kommunismus. Diesbezüglich diente der Marxismus-Leninismus einerseits als Weltanschauung und philosophisches Erklärungssystem, andererseits als politische Handlungslehre, so dass seine Hauptfunktion in der Legitimation der einzig wahren und Wahrheit verkündenen Instanz lag, nämlich der staatstragenden Partei der SED. [13]
Mit der Etablierung des Marxismus-Leninismus als einzige, die Realität richtig zu beurteilende Interpretations- und Wahrheitsmöglichkeit war zugleich geschichtswissenschaftlich wie auch gesamtgesellschaftlich ein Ausschlusssystem etabliert worden, das Abweichler – und seien es auch nur durch noch so feine Nuancen – sowie Abtrünnige sofort entlarvte und sie vom vorgegebenen Diskurs ausschloss, so dass kritisches Potential in der Historikerriege mundtot gemacht wurde. Der Marxismus-Leninismus erfüllte also auch – vor allem durch die Verwendung marxistischer Termini samt der dahinter stehenden Gedankengebäude – Erkenntnis-, Interpretations- und Abgrenzungsfunktionen. [14] Die Historiker in der DDR waren demzufolge „,keine vollwertigen Wissenschaftler nach westlichen Begriffen’, sondern verkörperten statt dessen den ,Typ des Funktionärs [...], der ganz im Dienste der Staatspartei Geschichte schreibt’ und die tradierte Historie in ,ein politisches und propagandistisches Mittel ersten Ranges’ verwandelt hatte, das ,den Forderungen des Tages dienen und sich, ihres Wissenschaftscharakters entkleidet, mißbrauchen lassen [muß] wie selten zuvor’” [15] . Kritisches, reflektierendes und somit tatsächlich wissenschaftliches Denken war hier unerwünscht bzw. galt als reaktionär in einem Staat, dessen Spitze sich als Führung der Arbeiterschaft sah und somit das Marx’sche Erbe zu hegen und zu pflegen gedachte und sich diesbezüglich die Deutungshoheit in allen gesellschaftspolitischen Feldern vorbehielt – also demgemäß durchaus totalitär war.
Entsprechend ungenau nahmen es die meisten Wissenschaftler in der DDR mit der faktischen, von allen ideologischen Verzerrungen erhabenen Wahrheit [16] zugunsten einer Wahrheitsfindung, die autoritätshörig und dogmatisch zu den – quasi planerfüllenden –Forschungsergebnissen kam, die von der Parteilinie vorgegeben war und dem marxistischen Weltbild entsprach:

"Der Marxismus-Leninismus war dasjenige politische und pseudowissenschaftliche Instrument, mit dem das System und der totalitäre Herrschaftsanspruch der SED legitimiert werden sollten. Der Geschichtswissenschaft kam dabei eine besondere Funktion zu, da die Gesellschaft ihre Legitimation einzig und allein aus der Geschichte bezog." [17]

Dadurch war die Geschichtswissenschaft in der DDR in erster Linie ein Parteiorgan, das im Sinne der Ideologie und nicht im Sinne der Wissenschaft agierte [18], um die Herrschaft der SED zu begründen und um für die DDR eine Identifikation zu schaffen. [19] Die Ergebnisse, zu denen die DDR-Historiker kamen, waren in der Regel vorgegeben, inhaltlich wie auch methodisch, wenngleich es durchaus Freiräume gab. [20]
Die hierarchische Struktur des Einparteienstaates mit der SED an der Spitze wirkte sich auch vollends aus, da nichts dem Zufall überlassen wurde, sondern – wie in anderen Bereichen auch – zentrale Vorgaben, in diesem Fall vom Zentralinstitut für Geschichte oder aber vom Institut für Marxismus-Leninismus, gemacht wurden. [21] Geschichte zu schreiben war – zumal in einer Diktatur – eben kein rein individueller und intellektueller Vorgang fernab jeglicher, von Parteien, Verbänden oder staatlichen Institutionen vertretenen politischen Interessen, sondern ein die Interessen von Staat und Partei wahrender, reglementierungswürdiger politischer Akt, der linientreu durchdacht sein sollte, nicht zuletzt im Interesse des Autors.

Für die Unterordnung jedweder Wissenschaft unter die politische Führung und ihrer Ziele – das tangiert natürlich im besonderen Maße die Geisteswissenschaften – stand der Leninismus im Marxismus-Leninismus. Denn hier mutet es geradezu grotesk an, dass der quasi synonymisch für Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen stehende Marxismus von Historikern der DDR überhaupt noch guten Gewissens in den Mund genommen werden konnte. Das Kritische, also das Marx’sche Metier überhaupt, fand keinen Eingang in das methodologische Repertoire der marxistisch-leninistischen Historiker [22], da die wissenschaftlichen Spielregeln von der die Deutungshoheit über Marx besitzenden SED vorgegeben wurden. Was Nachgeborenen und fachfremden Zeitgenossen als geradezu paradox vorkommen muss, wenn nichtsdestotrotz Zitate von Marx in sämtlichen Arbeiten zum Zitatekanon der sogenannten marxistisch-leninistischen Klassiker gehörten, ist hier kein Gegensatz. In einer Geschichtswissenschaft, die entsprechende Texte entfremdete, ihres Sinns entstellte, sie zu ihren Gunsten verdrehte und verfälschte [23], so dass sie gemäß parteidoktrinärer Erwägungen doch noch tauglich, zumal obligatorisch waren, sollte dieser Umstand nicht verwundern. Wurde dies jedoch nicht erfüllt, hatte man sich in Selbstkritik zu üben, wie folgendes Beispiel zeigt:

"Die wissenschaftliche Erforschung und Darstellung eines historischen Ereignisses erfordert vom Historiker, daß er in allen Fragen stets das marxistische Prinzip der Parteilichkeit konsequent beachtet und anwendet. Es ist mir nicht gelungen, dieser wesentlichen Forderung konsequent in jedem Falle nachzukommen. Die Beschlüsse der Partei der Arbeiterklasse, die Berichte und Arbeiten ihrer führenden Mitglieder weisen dem marxistischen Historiker in der Forschung und Darstellung die Richtung, weil diese Materialien zu den in Frage stehenden historischen Ereignissen mit Hilfe der Wissenschaft des Marxismus-Leninismus erarbeitet worden sind und darum bereits das Wesentliche der objektiven Wirklichkeit widerspiegeln." [24]

Die Geschichtswissenschaft neuen Typs in der DDR verkörperte pars pro toto für die gesamte Gesellschaft den von der sozialistischen Nomenklatura und Propaganda gewünschten Typus des neuen Menschen, der „a priori sowohl von der kommunistischen Macht abhängig als auch ihr ergeben war und er seine Kraft und Arbeit eifrig dem Gral opferte”. [25] Das hatte nun wiederum die „monolithische” [26] marxistisch-leninistische Ausrichtung in der Geschichtswissenschaft zur Folge, die alleinig für Präzision in Lehre und Forschung Pate stehen konnte. Besonders sticht hervor, dass gerade die ostdeutsche Historikerzunft nahezu geschlossen hinter der Führung der SED während der unruhigen 50er Jahre stand, im Gegensatz zu anderen Wissenschaftsdisziplinen, denen bis zum Mauerbau doch zahlreiche Wissenschaftler abhanden kamen oder die gegen das Regime mit seinen allzu unwissenschaftlichen Dekreten rebellierten. [27]
 

II. Die Steuerung durch die Partei

II.1. Der Einfluss des ZK

Für die Verwebung von Politik und Wissenschaft war die Abteilung Wissenschaft des ZK zuständig, an dessen Spitze Kurt Hager als ZK-Sekretär für Kultur und Wissenschaft stand. Das Ziel dieser Abteilung war die Ideologisierung und Politisierung der Arbeit des Hochschul- und Wissenschaftswesens. [28] Das schlug sich u. a. darin nieder, dass die Abteilung Wissenschaft „für die ,Anleitung und Kontrolle der politisch-ideologischen und thematischen Konzeption in den ihr zugeordneten theoretischen Zeitschriften und den Zeitungen der Parteiorganisationen der Universitäten’” [29] zuständig war, womit die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft (wie ja auch im übrigen akademischen Betrieb) institutionell abgesichert war. In der Abteilung Wissenschaft trat insbesondere die Ideologische Kommission hervor, deren Kompetenzen u. a. das Entscheiden über Forschungsvorhaben, Veröffentlichungen und dergleichen mehr umfassten. [30] Auch hier wurde nicht selten unter planwirtschaftlicher Maßgabe gearbeitet, wie das Beispiel aus den 50er Jahren des in zwei Jahren zu erstellenden Buches über eine Geschichte des deutschen Volkes zeigt. Dass das angesichts normaler geschichtswissenschaftlicher Arbeitsweisen realitätsfern war [31] (und auch nicht eingehalten werden konnte), zeigt die Absurdität, die den Wissenschaftsbetrieb der DDR vor allem in den Geisteswissenschaften auszeichnete. [32]
 


Abbildung 3: Prof. Dr. h. c. Kurt Hager (1912-1998),
Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Staatsratsmitglied, DDR,
Portraitfotographie vom 05.06.1984,
Bildnachweis: Bundesarchiv / Bild 183-1984-0615-434 / o.Ang. / Creative Commons CC-BY-SA 3.0

Wie sehr die Politik – selbst die Genossen aus der Sowjetunion – Einfluss auf Fragen der geschichtlichen Interpretation hatten, zeigt beispielsweise die von der Abteilung Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung beim Institut für Marxismus-Leninismus herausgebrachte achtbändige „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung”, an der selbst Ulbricht mitformulierte und missliebige Stellen strich, während bei Aussagen über die Sowjetunion entsprechend sowjetische Kollegen des dortigen gleichnamigen Instituts konsultiert wurden. [33] Hierbei kam nicht nur zum Tragen, dass die Partei die Hoheit über die Auslegung von Geschichte hatte, nein, ihre Funktionäre waren dazu scheinbar auch inhaltlich qualifiziert, wie folgendes Zitat belegt:

"Zwischen Politik und Wissenschaft besteht eine Wechselbeziehung. Stellt die Politik der Wissenschaft die Aufgabe und bestimmt Richtung und Ziel ihrer Arbeit, so liefert oder vielmehr müßte die Wissenschaft ihrerseits der Politik durch exakte Analysen der gesellschaftlichen Entwicklung die Grundlagen für ihre Entschlüsse liefern. [...] Wenn unsere Partei [...] stets die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen und sie in ihrer Politik angewendet hat, so deshalb, weil unsere führenden Genossen neben jahrzehntelangen Erfahrungen im Klassenkampf über eine umfassende historische Bildung verfügen, was ihnen in Verbindung mit der Fähigkeit zur schöpferischen Anwendung des Marxismus-Leninismus außerdem noch ermöglicht, den Historikern prinzipielle Hinweise für die eigene Arbeit zu geben." [34]

II.2. Unterwerfung unter die Partei

Die Geschichtsforschung hatte sich den Wünschen und Vorstellungen der Politik bedingungslos unterzuordnen, um, so Kurt Hager, den politischen Erfordernissen in der Systemauseinandersetzung gerecht zu werden. [35] Konkret sollten also die Forschungsergebnisse die politischen Bedürfnisse befriedigen, [36] die die Geschichtswissenschaft zu einer instrumentellen Propagandaproduzentin degradierte, die sich selbst diesbezüglich auch als ebenso willfährig erwies wie sie sich der vehement geforderten Parteigefolgschaft unterwarf und doktrinär die von der Partei vorgegebene Linie umsetzte. Damit erfüllte sie alle ihr zugedachten Funktionen:

"1. Legitimationsfunktion;
 2. Erziehungs- und Stimulationsfunktion für die allseitige Stärkung der DDR;
 3. Vorbild- und Schaufensterfunktion im nationalen und internationalen Rahmen;
 4. strategiebildende Funktion." [37]

Doch wurden diese Vorgaben möglichst breit ausgelegt, um einerseits immer den Vorgaben zu genügen (vor allem bei Veröffentlichungen), andererseits aber um eigenen Interpretationsmöglichkeiten doch durchaus Spielraum zu geben in internen Diskussionen. [38] Doch konnte vor allem auch intern häufig nicht offen diskutiert werden, sofern man hier wirklich von offener Diskussion in unserem Sinne sprechen mag, da Parteifunktionäre von Instituts- und Parteileitung andere, geschichtswissenschaftsfremde Verhaltensweisen zeigten, die nur die Parteidienlichkeit als Kriterium der Daseinsberechtigung der Geschichtswissenschaft ansahen, und nicht etwa objektivierend ausgerichtete wissenschaftliche Standards. Besonders anschaulich lässt sich das verdeutlichen an einem Vortrag zum 25. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, der vom Leiter der Arbeitsgruppe Faschismus und Zweiter Weltkrieg, Günter Paulus, vor DDR- und westdeutschen Historikern vorgetragen wurde. Zwar vom zuständigen ZK-Gesandten für Geschichte und von der Leitung des Instituts für Geschichte abgesegnet, fiel der Vortrag bei anwesenden hohen Funktionären der Parteinomenklatura durch, da:

"1. Unzureichende Berücksichtigung der KPD im Referat, wobei kaum inhaltliche Bezüge zur Thematik hergestellt werden konnten.
2. Betonung der Selbständigkeit der Politik gegenüber der Ökonomie und damit Relativierung der Dimitroffschen Faschismusdefinition als ,offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals’.
3. Beurteilung Adolf Hitlers als Manager, aber nicht als williges Werkzeug des Monopolkapitals." [39]

Das hatte zur Folge, dass dieser Vortrag aus den genannten ideologischen Gründen nicht veröffentlicht werden konnte, was Paulus dann aber trotzdem in einem anderen Fachblatt tat, woraufhin er ein Disziplinarverfahren erhielt und aller Funktionen enthoben wurde. [40]
 

III. Die DDR-Geschichtsschreibung eine Wissenschaft?

III.1. Die Einheit von Partei und Wissenschaft

Die Inhalte der DDR-Geschichtsschreibung waren eine skurrile Melange aus Mythos und Realität, Erfindung und Wahrheit, [41] kurzum: was in der DDR unter dem Begriff Geschichtswissenschaft firmierte, war in Wirklichkeit eher die Bildung einer den real existierenden Sozialismus absichernden Legende.

"Der totale Geltungsanspruch der SED-Diktatur hat im Bestreben, die Utopie einer in sich geschlossenen sozialistischen Gegenwelt zu schaffen, auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte nicht bloß ,gleichgeschaltet’, erwünschte Erkenntnisse prämiert und mißliebige unterdrückt, sondern dem westlichen ein eigenes Wissenschaftsideal entgegenzustellen versucht, das im Namen der Wissenschaft die wissenschaftlichen Prozeduren gesicherter Erkenntnisgewinnung außer Kraft setzte, die politische Lenkung der Wahrheitssuche als wahre Objektivität und das naive Beharren auf unbezweifelbaren Tatsachen, als schädlichen ,Objektivismus’ anzusehen forderte." [42]

Den Vorgaben der Partei in der Wissenschaft gerecht zu werden, galt daher als höchstes zu erfüllendes Handlungsgebot. Die Dialektik des Historischen Materialismus hatte Vorrang vor der Aussagekraft einer historischen Quelle, wenn dies der angestrebten Einheit von Partei und Wissenschaft förderlich war. [43]
Die empirische Nachvollziehbarkeit einer These, die es uns erst erlaubt von Wissenschaftlichkeit zu sprechen, galt hier nicht, da geradezu naturwissenschaftlich von bestimmten und geradezu unumstößlichen sozialen Gesetzen die Rede war, [44] denen im Zweifelsfall der Vorzug vor der historischen Faktenlage gegeben wurde, da diese den teleologischen Gang der Geschichte mit dem klassischen Bild von der Sklavenhaltergesellschaft zum Kommunismus nicht immer eindeutig nachzeichnen und vor allem richtig erklären konnte, so dass die Ideologie dabei etwas Hilfestellung gewährte. Doch auch innerhalb dieses durch das marxistisch-leninistische Dogma abgesteckten Rahmens versuchten Historiker vor allem in den 80er Jahren über die Ideologieschulung hinauszukommen und sich der Empirie zu nähern. [45]
Doch durch die Trennung Deutschlands führte die Systemauseinandersetzung hier zu einer besonderen Verbissenheit auf allen Gebieten realsozialistischen Wirkens – also auch in der Geschichtswissenschaft, die wie in keinem anderen Land des Ostblocks konsequent marxistisch-leninistisch vorangetrieben wurde [46] –, so dass die Bundesrepublik immer und in allem für die DDR ein Bezugssystem darstellte, dem man etwas sozialistisch Höherwertigeres entgegenstellen musste – in diesem Fall der leninistisch angestrichene Historische Materialismus von Karl Marx und Friedrich Engels.
Das auf Max Weber basierende westliche Wissenschaftssystem der Geschichte war demnach als klassenfeindlich einzustufen, was eine alternative Auseinandersetzung mit diesen Texten lange verhinderte. [47]
Doch traten in der Wissenschaftspraxis unter dem Vorzeichen des marxistisch-leninistischen Paradigmas durchaus in dem Moment Probleme auf, in dem die Partei der parteilichen Wissenschaft Vorgaben zu einem Forschungsergebnis machte, das die Historiker vorzulegen hatten, insbesondere was die heiklen Bereiche der (arbeiterhistorischen) Zeitgeschichte anbelangte. [48]

III.2. Die teleologische Geschichtswissenschaft

Die DDR-Geschichtsschreibung war letztlich das sozialistische Pendant zur fortschrittsgläubigen, besonders durch die Sozialgeschichte dominierte westliche Meta-Erzählung, die zwar keine politischen Vorgaben bekam und tatsächlich frei forschen konnte, deren Protagonisten aber häufig genug – und das lässt sich auch nicht vermeiden – eine eigene politische Meinung zu bestimmten historischen Themen hatten und mitunter ein Geschichtsbild pflegten, in das eine Welt mit einem planwirtschaftlich-diktatorischen Ostblock nicht so recht hineinpassen wollte und die westliche Geschichtsschreibung von daher durchaus auch politisch motiviert war.
„Diese ,großen Erzählungen’ können jahrhundertelange disparate Entwicklungen zu einer einheitlichen Erzählung verdichten” [49] , die für alle, ob westlich oder östlich der Elbe, identitätsstiftend in ihrem jeweiligen politischen Kontext waren. Die DDR wollte das preußisch geprägte nationale Geschichtsbild durch eine auf der Arbeiterbewegung basierenden Geschichtsinterpretation ersetzen. Hiermit musste die Vergangenheit aber folglich durch die marxistisch-leninistische Lesart vollkommen auf den Kopf gestellt werden, da der ansonsten schnurgerade Weg in Richtung klassenlose Gesellschaft nur schwer nachvollziehbar gewesen wäre.
Nicht nur, dass nun dem Historiker ein „ideologisch geprägter Begriffsapparat von Wortbildungen wie ,Monopolkapitalismus’” [50] zur besseren Interpretierbarkeit samt angemessener Aussagekraft an die Hand gegeben wurde, nein, der Weg zum Sozialismus wurde schon seit der Antike (Sklavenhaltergesellschaft) beschritten und führte über das Mittelalter (Feudalgesellschaft), die Frühe Neuzeit mit ihrer nun frühbürgerlichen Revolution hin zum Industriezeitalter und des daraus resultierenden imperialistischen Kapitalismus, um nach dessen Untergang in das Goldene Zeitalter des Kommunismus zu gelangen. Diese historische Konstruktion kam einem Paradigmenwechsel gleich.

"Das politische Ziel dieser Neukonstruktion war die Brechung der bürgerlichen Diskursherrschaft über die Vergangenheit durch die Etablierung eines eigenen sozialistischen Geschichtsbildes. Mit dem Hinweis auf deren national-konservative Praxis wiesen DDR-Historiker das Objektivitätsgebot westlicher Forscher zurück und bezogen sich statt dessen auf den Marxismus-Leninismus als theoretische Basis zur Erklärung historischer Prozesse. [...] Indem DDR-Historiker die bürgerliche Historiographie als Hilfsmittel des Imperialismus entlarvten, waren sie mehr als bereit, ihre eigene Forschung zur Legitimierung einer antifaschistischen Alternative einzusetzen." [51]

Dieses Denken hatte zur Folge, dass sich die DDR-Historiker viel mit der westlichen, vor allem westdeutschen Geschichtsschreibung auseinandersetzten, um diese mit ihrem Standpunkt zurückzuweisen, [52] was aber wiederum zu einer starken Vernachlässigung der eigenen Forschungstätigkeit führte, denn durch „ihre Selbstinstrumentalisierung im Dienste des Marxismus-Leninismus und der SED sind viele ihrer Aussagen eher politisch als wissenschaftlich zu verstehen”. [53]

III.3. Die DDR-Geschichtswissenschaft als Alternativmodell zum Westen?

Trotz aller politischen Implikationen könnte die DDR-Geschichtswissenschaft durchaus als Alternative zur borussisch geprägten national-historischen Geschichtsschreibung der frühen Bundesrepublik angesehen werden. [54] Doch träfe dies eben nur auf diese oberflächliche Sichtweise zu, die sich lediglich auf die Charakteristik zweier parallel existierender Geschichtsschulen kapriziert.
Es gab zwar durchaus fruchtbringende Denkanstöße, die – je mehr sie vom zeitgeschichtlichen Kontext entfernt waren, umso ideologisch entrümpelter erschienen [55] – auch westlicherseits Anerkennung erhielten, doch waren auch auf diesen Themengebieten die institutionelle Macht der geschichtswissenschaftlichen Einrichtungen ungebrochen [56] und die Historiker nach wie vor Kinder des Historischen Materialismus und seiner leninistischen Auslegung, der als tragende Säule des für den autoritären Staat prägenden Geschichtsbildes in der Bearbeitung früherer Epochen angesehen werden kann und somit auch dort die Geschichtswissenschaft „zur Magd der Politik” [57] machte. „,Die Geschichtswissenschaft’, so erklärte der Verband der Historiker Deutschlands (VHD) 1990, ,war vor dem 9. November 1989 eine Herrschaftswissenschaft, der vor allem aufgegeben war, für die Legitimierung des SED-Regimes zu sorgen’.” [58]
Zwar ist es wahr, dass auch im Westen die Geschichtsschreibung von eigenen politischen Standpunkten geprägt war, doch der Unterschied ist, dass die Wissenschaft im Westen weder institutionell an irgendeine die Historiker kontrollierende Einrichtung gebunden noch irgendjemandem Rechenschaft schuldig war und ist (außer den eigenen Kollegen im Diskurs). Die auf einem gewissen methodischen, international anerkannten Vorgehen beruhende und somit empirisch nachvollziehbare Geschichtswissenschaft lebt vom (freien) Diskurs und der gegenseitigen Kritik und nicht von staats-/parteimäßig vorgegebenen ideologischen Parametern, nach denen die Geschichtsschreibung zu funktionieren hat.
Daher ist es bei allen Abstufungen – die man machen kann und auch machen muss, um jenen Historikern, die sich in ihrem beruflichen Umfeld eine Nische schufen, in der sie so gut wie möglich (vielleicht sogar objektiv, gespickt mit ein paar obligatorischen Klassikerzitaten) Geschichte schrieben, gerecht zu werden – auch klar, dass sich die „DDR-Historiographie mehrheitlich der unlauteren Kollaboration” schuldig machte und dadurch „Verrat an den Prinzipien der Wissenschaft” [59] beging.
Neben dieser fachlichen Kritik kommt man um eine moralische bei der Bewertung der „Politisierung der historischen Erkenntnis” [60] nicht herum, da sich die marxistisch-leninistische Historikerschaft schon fragen lassen muss, inwiefern sie mit ihrer Forschung das Regime gestützt hat, das mit seinen Gegnern in diktaturüblicher Manier verfuhr, was bei solchen Diskussionen gerne verdrängt wird. Es genügt eben nicht, die DDR-Geschichtswissenschaft lediglich als scheinbares Alternativmodell mit fachlichen Irrwegen zu sehen.

III.4. Die Objektivität ist eine historische, keine politische Frage

Hier kommt die Frage auf, um welche Art von Wahrheit es sich im Wissenschaftsbetrieb der DDR handelte, um die (eigentliche) empirisch nachvollziehbare, oder aber um eine ideologische, die nur verstehen konnte, der die marxistisch-leninistischen Termini inklusive ihres Bedeutungshorizontes decodieren konnte? Das östliche Geschichtsverständnis kannte keine die Klassen übergreifende historische Erkenntnis, sondern sie war durch ihre Zugehörigkeit zu einer Ideologie auch immer durch diese determiniert. [61] Da es nach Lenin nichts Objektives zwischen sozialistischer und bürgerlicher Ideologie geben konnte, war somit auch ein objektives Geschichtsbild unmöglich, das sich einer entsprechenden Wahrheitssuche verpflichtet fühlt: „Demzufolge ist der Marxismus-Leninismus sowohl wissenschaftliche Theorie als auch wissenschaftlich begründete Ideologie. Diese Ideologie ist zugleich Ausdruck wissenschaftlicher Geschichtserkenntnis.” [62]

Die Objektivität kam also erst zustande, indem der Historiker jener vermeintlichen objektiven Tatsache Tribut zollte, die die Arbeiterklasse zum Impulsgeber des historischen Fortschritts machte, so dass sich hier quasi ein dialektisches Verhältnis zwischen den Historikern und des teleologischen Ganges der Geschichte etablierte, das es ihnen unmöglich machte, nicht objektiv zu sein, schon um der bürgerlichen Geschichtsschreibung ihre sogenannte Willkür zu nehmen. [63]
Die Wahrheit musste hier der Ideologie weichen, mit der Folge, dass die Ergebnisse geschichtswissenschaftlicher Arbeit der fachwissenschaftlichen Erkenntnis nicht standhalten konnten, da der Marxismus-Leninismus das fachwissenschaftliche Vorgehen konsequent verschmähte und einen anderen, die eigene Sichtweise auf die Welt unterstützenden Wahrheitsbegriff bevorzugte:

"Er relativiert sie [die Wahrheit, A.K.], indem er ihre Erkenntnis an die Einnahme eines politischen Standpunktes bindet; er verengt sie, indem er der marxistischen Geschichtstheorie das Deutungsmonopol einräumt; und er instrumentalisiert sie, indem er ihr neben der weltanschaulichen Bindung (an den Marxismus) auch die politische (an die SED) zugrundelegt." [64]

Die Verschmelzung von Geschichtsschreibung und Ideologie führte zu einem Zerrbild der Geschichte, das eher einer Legendenbildung zugunsten des sozialistischen Fortschritts gleichkam als einer objektiven Darstellung von Ereignissen und ihren Zusammenhängen. Gemäß dem Stalin’schen Diktum, dass die Künstler die Ingenieure der Seele seien, [65] müsste man wohl die Historiker als die Ingenieure einer die Partei stützenden geschichtlichen Hoferzählung bezeichnen. Die Treue zur Parteilinie zählte mehr als die Orientierung an den historischen Tatsachen, so dass die Beschäftigung mit den Quellen – ein Wesenselement seriöser Geschichtswissenschaft – sogar eher verpönt war und als schädlicher „Objektivismus” [66] gebrandmarkt wurde, der zudem schon dadurch diskreditiert schien, als dass er als per se bürgerlich galt.
Während Parteilichkeit in der Wissenschaft, zu wessen Gunsten auch immer, einen Wissenschaftler als solchen fachlich (wie beruflich) prinzipiell diskreditiert, galt die Parteilichkeit der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft in der DDR geradezu als Gütesiegel ihrer Arbeit.
Der permanente Konflikt mit den Quellen, die ihrerseits die Tatsachenwelt der Vergangenheit und die historische Erkenntnis vertreten, konnte nur durch eine Überhöhung der doktrinären Lehrmeinung für die ideologische Lesart der Geschichte gewonnen werden, so dass der parteilichen die empirische (also die wissenschaftliche) Objektivität kurzerhand unterworfen wurde, als hätte es die Quellen nie gegeben. [67]
Zur historischen Wahrheit gehört aber mithin auch zu sagen, dass der Historische Materialismus mit seinen Prämissen ganz andere Fragen an die Geschichte stellte, so dass folglich auch deshalb die Quellenarbeit durchaus zu vernachlässigen war, [68] was aber wiederum die politische Ausrichtung zeigt, die historische Fragen zu politischen ummünzt und sie dadurch einem ideologischen Dogma unterwürft, wohin sie aber nicht gehören!

Ganz augenfällig wird die Problematik der Parteilichkeit am Beispiel der Entscheidung über die Frage des Charakters der Novemberrevolution von 1918. Der Meinungsstreit über die Bürgerlichkeit oder proletarische Charakteristik der Ereignisse wurde letztendlich vom Politbüro entschieden. [69] Im Vorfeld aber wurde beispielsweise ein Redebeitrag für eine Fachtagung in Leipzig 1957, die sich mit der Oktoberrevolution und Deutschland beschäftigte, innerhalb der Partei sowie der Abteilung Agitation/Propaganda beim ZK der KPdSU rege diskutiert. [70] Dem Beitrag eines DDR-Historikers, der das Ereignis neu bewertete, „daß die Novemberrevolution 1918 in Deutschland ihrem Charakter nach eine sozialistische Revolution gewesen sei, die eine Niederlage erlitt”, [71] wurde vehement widersprochen. Der Führungsanspruch der Sowjetunion in revolutionären und parteilichen, also marxistisch-leninistischen Fragen sollte nicht unterminiert werden, indem man die eher weniger leninistisch geprägte Spartakus-Gruppe und Rosa Luxemburg in der Novemberrevolution postum zu Helden einer gescheiterten sozialistischen Revolution stilisierte. [72]
 

IV. Fazit

Es lässt sich nun aus den vorangegangenen Bemerkungen schließen, dass die Historiographie der DDR nicht als wissenschaftlich in unserem Sinne anzusehen ist. Zwar ist der Historische Materialismus eine durchaus interessante Sicht auf die Geschichte und ihre Entwicklung, doch ist sie nicht zielführend, da es den roten Faden in der Geschichte nicht gibt. Diese hat Brüche, Ecken und Kanten und lässt sich in kein Weltbild pressen, wenn man es mit der Wissenschaftlichkeit ernst nimmt. Und das Merkmal der Wissenschaftlichkeit gibt die marxistisch-leninistische Geschichtsforschung nur vor, denn anhand der aufgezählten Tatsachen wird der Lenin’sche Mythos von der Wissenschaftlichkeit des Marxismus-Leninismus gänzlich entzaubert.
Die geradezu naturwissenschaftlichen Kriterien unterworfene Geschichtsschreibung in der DDR orientierte sich an einem Partei-Dogma, das die Gesetzmäßigkeiten eines historischen Prozesses als unumstößlich betrachtete und dadurch zwangsweise und folgerichtig auf die Etablierung jener geschichtsphilosophischen Maxime zusteuerte, die da hieß Kommunismus/Sozialismus.
Wer sich mit Geschichte befasst, sollte sich an den Fakten orientieren und keine politischen Vorgaben bekommen. Sobald man aber ein historisches Problem politisiert, fängt man an, den Prozess der Problemlösung zu verfälschen, da die Bewertung von Vergangenheit nur historisch, d.h. mit dem entsprechenden Repertoire an Methoden erfolgen kann, nicht politisch. Der Historiographie mangelte es in der DDR an theoretischer wie methodischer Vielfalt als auch an interpretatorischem Pluralismus. [73] Der mangelnden Legitimation des Staates versuchte die SED durch die Bildung eines politisch gefärbten Geschichtsbildes beizukommen, das ihre Existenz nicht nur legitimierte, sondern diese als unausweichliche Folge der Geschichte darzustellen versuchte und der Existenz des Staates der Arbeiterklasse – der somit selbst im Dienste der Geschichte stand – dadurch die nötige missionarische Aura zu verleihen. Geschichte wurde zur Staatsdoktrin, die lediglich als Vorgeschichte der DDR fungierte und missliebige Ereignisse dem Kapitalismus zuschrieb.
Selbst wenn man davon ausgeht, dass Historiker auch versuchen konnten, in einer von Günter Gaus als Nischengesellschaft bezeichneten Gesellschaft in einer Nische zu arbeiten, so war die Geschichte doch trotzdem an die vorgegebenen Klassenpositionen gebunden und nicht frei von Parteihörigkeit in Bezug auf die Deutung von Geschichte und somit nicht dermaßen autonom in ihrem Handlungsspielraum, wie es für eine (gerade auch geisteswissenschaftliche) Disziplin von gesellschaftlicher Relevanz nötig gewesen wäre.
 

V. Literatur

Böhme, Waltraud (Hrsg.): Kleines Politisches Wörterbuch, Berlin 1978.

Eckermann, Walther; Mohr, Hubert (Hrsg.): Einführung in das Studium der Geschichte, Berlin 1973.

Jarausch, Konrad H.: Die DDR-Geschichtswissenschaft als „Meta-Erzählung”, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 19-34.

Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft der DDR (1945-1961), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 31-59.

Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009.

Mehls, Hartmut: Reformwille und Parteiräson. Zur Frage widerständigen Verhaltens am Akademie-Institut für Geschichte, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 226-243.

Neuhäußer-Wespy, Ulrich: Der Parteiapparat als zentrale Lenkungsinstanz der Geschichtswissenschaft der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 144-180.

Petzold, Joachim: „Meinungsstreit” im Herrschaftsdiskurs, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 287-307.

Sabrow, Martin: Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949-1969, München 2001.

Sabrow, Martin: Das Wahrheitsproblem in der DDR-Geschichtswissenschaft, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 25/1996, S. 233-257.

Sabrow, Martin: Einleitung: Geschichtsdiskurs und Doktringesellschaft, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 9-30.

Sabrow, Martin: Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation. Der Fall DDR, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 7-18.

Sabrow, Martin: Parteiliches Wissenschaftsideal und historische Forschungspraxis. Überlegungen zum Akademie-Institut für Geschichte (1956-1989), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 195-226.

Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Bonn 1999.


Anmerkungen

[1] Walter Ulbricht zitiert nach Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 63: ZK-Abteilung Wissenschaften, Aktennotiz, 12.5.1955. BArch, SAPMO, DY 30, IV 2/904/111, Blatt 212.

[2] Sabrow, Martin: Parteiliches Wissenschaftsideal und historische Forschungspraxis. Überlegungen zum Akademie-Institut für Geschichte (1956-1989), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 196.

[3] Ebd.

[4] Sabrow, Martin: Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation. Der Fall DDR, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 10.

[5] Zu der Frage, inwieweit diese wissenschaftlichen Grundlagen (in diesem Fall im Zeitraum von 1945-1961) als wichtige Faktoren der politischen Sozialisation in der SBZ/DDR fungierten, kann man u.a. nachlesen bei Saskia Handro: Geschichtsunterricht und historisch-politische Sozialisation in der SBZ und DDR (1945-1961). Eine Studie zur Region Sachsen-Anhalt, Weinheim - Basel 2002.

[6] Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft der DDR (1945-1961), in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 34.

[7] Zitiert nach Sabrow, Martin: Das Wahrheitsproblem in der DDR-Geschichtswissenschaft, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 25/1996, S. 247: Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ZIG 614 e.

[8] Böhme 1978, S. 549.

[9] Jarausch, Konrad H.: Die DDR-Geschichtswissenschaft als „Meta-Erzählung”, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 21.

[10] Ebd.

[11] Jarausch 1997, S. 21 f.

[12] Kowalczuk 1995, S. 34.

[13] Ebd.

[14] Kowalczuk 1995, S. 35.

[15] Sabrow 2001, S. 13.

[16] Kowalczuk 1995, S. 36.

[17] Kowalczuk 1995, S. 37.

[18] Kowalczuk 1995, S. 37.

[19] Sabrow 2001, S. 7.

[20] Sabrow 2001, S. 17.

[21] Kowalczuk 1995, S. 37.

[22] Kowalczuk 1995, S. 39.

[23] Ebd.

[24] Zitiert nach Sabrow 1996, S. 250: BArch, SAPMO, ZPA, IV 2/9.04/398.

[25] Kowalczuk 1995, S. 42.

[26] Kowalczuk 1995, S. 50.

[27] Kowalczuk 1995, S. 51.

[28] Neuhäußer-Wespy, Ulrich: Der Parteiapparat als zentrale Lenkungsinstanz der Geschichtswissenschaft der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 147.

[29] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 149.

[30] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 153.

[31] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 154.

[32] Im Übrigen traf dies aber auch auf die Naturwissenschaften insofern zu, als dass in jenen kein Buch veröffentlicht werden konnte, ohne dass die eröffnende Einleitung nicht ohne Bezug zum Sozialismus und seinen Errungenschaften und Institutionen auskam – auch wenn das freilich die Forschungsergebnisse nicht weiter zu tangieren brauchte, da diese nun einmal auf andere Weise zustande kamen.

[33] Neuhäußer-Wespy 1995, S. 166 f.

[34] Zitiert nach Sabrow 1996, S. 247: BArch, SAPMO, ZPA, IV 2/9.04/398.

[35] Mehls, Hartmut: Reformwille und Parteiräson. Zur Frage widerständigen Verhaltens am Akademie-Institut für Geschichte, in: Sabrow, Martin; Walther, Peter Thomas (Hrsg.): Historische Forschung und sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR, Leipzig 1995, S. 232.

[36] Ebd.

[37] Mehls 1995, S. 233.

[38] Mehls 1995, S. 234.

[39] Mehls 1995, S. 239.

[40] Ebd.

[41] Sabrow 1997, S. 14.

[42] Sabrow 1995, S. 201.

[43] Jarausch 1997, S. 22.

[44] Eckermann; Mohr (Hrsg.) 1973, S. 19 ff. / 215 ff.

[45] Jarausch 1997, S. 22 f.

[46] Sabrow, Martin: Einleitung: Geschichtsdiskurs und Doktringesellschaft, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 21.

[47] Jarausch 1997, S. 24.

[48] Jarausch 1997, S. 24 f.

[49] Jarausch 1997, S. 25.

[50] Jarausch 1997, S. 27.

[51] Jarausch 1997, S. 28.

[52] Jarausch 1997, S. 28.

[53] Jarausch 1997, S. 33.

[54] Sabrow 1996, S. 234.

[55] Sabrow 1996, S. 235 ff.

[56] Sabrow 1996, S. 237.

[57] Sabrow 1996, S. 236.

[58] Sabrow 1996, S. 238.

[59] Sabrow 1996, S. 239.

[60] Ebd.

[61] Sabrow 1996, S. 242.

[62] Zitiert nach Sabrow 1996, S. 242: Lenin, Wladimir Iljitsch: Was tun?, in: ders.: Werke. Band 5, Berlin 1955, S. 396.

[63] Sabrow 1996, S. 243.

[64] Sabrow 1996, S. 243.

[65] Vgl. Wolle 1999, S. 236.

[66] Sabrow 1996, S. 244.

[67] Sabrow 1996, S. 246 ff.

[68] Sabrow 1996, S. 252.

[69] Sabrow 1996, S. 246.

[70] Petzold, Joachim: „Meinungsstreit” im Herrschaftsdiskurs, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln - Weimar - Wien 2000, S. 301.

[71] Petzold 2000, S. 301.

[72] Petzold 2000, S. 302.

[73] Kowalczuk 2009, S. 63.

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