Karl der Große

Eine Kurzbiographie von Benjamin Lassiwe, M. A.

Seit 1950 wird in Aachen jährlich der „Internationale Karlspreis“ an Personen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben, verliehen. Dieser Preis ist benannt nach dem fränkischen König und römischen Kaiser Karl dem Großen, der von den Preisstiftern als „Begründer der abendländischen Kultur“ angesehen wird.

In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass Karl der Große bereits im Alter von 12 Jahren mit einem für die Herausbildung dessen, was die Aachener Preisstifter „abendländische Kultur“ nennen, wichtigem Teilgebiet seiner Politik, nämlich der Kirchenpolitik, konfrontiert wurde. Denn 754, als er zusammen mit seinem Vater Pippin und seinem Bruder Karlmann zum König gesalbt wurde, erhielt er gleichzeitig den Titel des Beschützers der Römischen Kirche (patricius romanorum). Von seinem Vater erbte er nach dessen Tod 768 die Königswürde in den Reichsteilen Austrien und Neustrien sowie einem Teil von Aquitanien, während sein Bruder Karlmann die übrigen Reichsgebiete erhielt. Dieser Herrschaftsübergang warf allerdings gewisse Probleme auf: Das Verhältnis der Brüder war bis zum Tode Karlmanns 771 untereinander stets angespannt, was zum Beispiel vorteilhaft für die gegen das alte Gesamtreich kämpfenden Sachsen oder den auf Abspaltung trachtenden Baiernherzog Tassilo war, die in Karls Regierungszeit zu seinen größten militärischen Widersachern werden sollten. Eine ähnliche Situation ergab sich auch in Aquitanien, wo Karl mit einem erfolgreich verlaufenden Feldzug Auflehnungsversuche Herzog Hunoalds beendete.

Nachdem er 771 auch den Erbteil Karlmanns übernahm, somit also zum vollwertigen Alleinerben Pippins wurde, widmete er sich im Folgejahr militärisch dem Krieg gegen die Sachsen. Diesen Feldzug musste er jedoch aufgrund der aktuellen politischen Situation in Italien kurzfristig unterbrechen, da der Langobardenkönig Desiderius Teile des Kirchenstaates in seine Gewalt gebracht hatte, nachdem Papst Hadrian I. versucht hatte, von den Langobarden unabhängig zu werden. Dies führte zum Feldzug Karls gegen die Langobarden, der 774 mit dem Fall ihrer belagerten Hauptstadt Pavia endete. Karl erweiterte nach diesem Sieg nicht nur sein Territorium um das der Langobarden, sondern nahm auch den Titel des Langobardenkönigs an, wodurch seine Ansprüche auf eine aktive Italienpolitik deutlich wurden. Sein Verhältnis zur Kirche ging im Übrigen auch später über die bloße Titulatur des patricius romanorum hinaus. So wurde während seiner Herrschaft die Metropolitanverfassung der Kirche neu belebt, und ausgehend vom karolingischen Königshof wurde eine Liturgiereform durchgeführt. Element zur Durchführung und Kontrolle dieser Maßnahmen waren zum Beispiel die Reichssynoden, die von in Rom verfassten Grundsätzen ausgehend, das fränkische Kirchensystem ordneten und festigten. Auch die Christianisierung in den eroberten sächsischen Gebieten ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

Nach seiner Rückkehr aus Italien widmete sich Karl der Große wiederum dem Krieg gegen die Sachsen. Hierbei kam es zwar einerseits zu einem schnellen Erfolg durch die Einnahme der Sigiburg 775 und dem anschließend von Teilen der Sachsen geleisteten Treueeid, jedoch kam es eigentlich bis 798 regelmäßig zu weiteren Unruhen in Sachsen, die die zwischendurch errungenen Teilerfolge Karls des Großen permanent zu Nichte machten. Höhepunkte dieses Teils von Karls Machtpolitik waren unter anderem das sogenannte „Blutbad von Verden an der Aller“, bei dem eine große Zahl gefangener Sachsen von Karl als Hochverräter hingerichtet wurde, sowie die Unterwerfung und Taufe des Sachsenführers Widukind 785, die zwar formell die Sachsenkriege beendete, wodurch der sächsische Unruheherd aber nicht endgültig befriedet werden konnte. Erst nach mehreren Umsiedlungsaktionen, die die gezielte Vermischung von Franken und Sachsen zum Ziel gehabt haben, gelang es Karl dem Großen 804 in Sachsen einen Frieden zu schaffen.

Während seiner Regierung, die er außerhalb von Feldzügen im allgemeinen von Kaiserpfalzen im Rheingebiet, insbesondere hierbei von Aachen ausübte, widmete sich Karl aber nicht nur militärpolitischen Angelegenheiten. In Bezug auf die unmittelbare Durchsetzung der Herrschaftsgewalt baute er das System der Königsboten aus, die innerhalb eines bestimmten Bezirkes die königliche Verwaltung ausüben sollten, wohingegen er keine „Mittelebene“ oberhalb der Grafenebene zuließ. Deutlich wird dies unter anderem im Falle des Baiernherzog Tassilo, den er trotz seiner 787 nach militärischer Niederlage erfolgten Unterwerfung absetzte. Zum Herrschaftssystem Karls des Großen gehört auch die als Kanzlei fungierende Hofkapelle sowie die Intensivierung der Bedeutung der Hofämter. Weiterhin führte Karl der Große mit der Einführung der Schöffen auch eine bedeutende Gerichtsreform durch. Bezüglich Karls Kultur- und Bildungspolitik verbindet sich mit seinem Namen unter anderem die sogenannte „karolingische Renaissance“. Dieser Sammelbegriff umfasst nicht nur seine bereits geschilderte Kirchenpolitik, sondern auch eine Rückbesinnungs- und Erneuerungsbewegung im Bereich der lateinischen Sprache, die allmähliche Entwicklung des Schrifttypus der karolingischen Minuskel und nicht zuletzt auch die Ansammlung einer Gruppe von Gelehrten am Hof des Königs.

Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern hatte Karl nur wenig Probleme mit Gegnern außerhalb seines eigenen Herrschaftsgebietes. Er erlitt zwar 778 eine schwere Niederlage gegen Basken und Mauren in den Pyrenäen, war auch 789 auf einem Feldzug gegen einen Slawenstamm und kämpfte nicht zuletzt am Ende seiner Herrschaftszeit gegen die Awaren, im Verhältnis zu beispielsweise den Sachsenzügen wirken die Kämpfe Karls des Großen gegen diese Gegner alles in allem eher marginal.

Ein Höhepunkt der Herrschaft Karls des Großen war schließlich seine Kaiserkrönung. 799 musste der neue Papst Leo III. vor stadtrömischen Gegnern an den Hof Karls des Großen. Dieser zog daraufhin im Jahr 800 nach Rom und wurde dort – angeblich überraschend – zum Kaiser gekrönt. Damit übernahm er nicht nur die Funktion als oberster Gerichtsherr Roms, mit deren Hilfe er den Papst von seinen Gegnern befreien konnte, die er aber im Prinzip wohl auch schon als patricius romanorum ausüben konnte, dieser Krönungsakt führte vielmehr auch zu einer eindeutigen Spaltung von Byzanz, dessen Herrscher bislang einzig existierender römischer Kaiser gewesen war. Erst 812 wurde diese neue Situation von Byzanz akzeptiert und Karl als gleichrangiger Kaiser anerkannt.

Karl regelte ähnlich wie bereits sein Vater Pippin seine Nachfolge: Zunächst setzte er seine Söhne Pippin, Karl und Ludwig als Unterkönige in bestimmten Gebieten ein, um dann später eine, freilich durch den Tod zweier Söhne gegenstandslos gewordene, Reichsteilung zu planen. Hierbei brach er allerdings mit der Tradition der gleichmäßigen Erbteilung zwischen den Erben, ebenfalls legte er keinen Nachfolger als Kaiser fest.

Karl der Große starb 814 in Aachen. Er hinterließ ein sich über große Teile Europas erstreckendes Reich, verhältnismäßig einheitlich in Kultur und Verwaltung, das bis heute den Traum vom vereinten Europa beflügeln kann.

Quellen / Literatur:

- Alessandro Barbero, Karl der Große. Vater Europas, übers. von Annette Kopetzki, Klett-Cotta, Stuttgart 2007.

- Einhard, Vita Karoli Magni. Das Leben Karls des Großen, Lateinisch / Deutsch, mit Anm. und Nachw. von Evelyn Scherabon Firchow, Stuttgart 1995.

- Fischer Weltalmanach 1995, hg. von Dr. Mario von Baratta u.a., Frankfurt a. Main 1994.

- Schieffer, Theodor, Artikel: Karl der Große, in: Neue deutsche Biographie, hg. von der historischen Kommission der bayrischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 11, Berlin 1977, S. 157-174.

- Wolf, Gunther, Karl der Große, in: Die Großen der Weltgeschichte, hg. v. Kurt Fassmann u.a., Zürich 1972, S.895-910.

 

Benjamin Lassiwe M.A. hat mittelalterliche Geschichte in Berlin, Odense, und Greifswald studiert. Er ist freier Journalist und berichtet für zahlreich regionale und überregionale Zeitungen.

www.geschichte-erforschen.de - © 2010 - Impressum - disclaimer